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Zielgerade

Der Ruf ereilte mich am Freitagnachmittag.

Ich solle mir Zeit lassen, aber heute! würde sich definitiv etwas tun.

 

Genauso hatten wir es schon eine Woche vorher gedacht. Emma hatte sicherlich Senkwehen gehabt, der Bauch neigte sich dem Boden entgegen und sie war noch anhänglicher als vorher.

Meine Taschen hatte ich ja längst bei Svenja geparkt, so musste ich nur noch meinen Laptop schnappen und die Kabel. Meistens vergesse ich a) den zweiten Akku, b) ein Ladekabel oder c) Ersatzspeicherkarten. Die sind immer dann voll, wenn man nicht daran denkt. Ich habe aufgerüstet von 64 GB auf 128 GB, dass sollte reichen!

 

Voller Vorfreude trudelte ich dann also gegen 16 Uhr bei ihr ein.

Freitag, den 30.04.2021.

Ich hätte die Worte „lass dir Zeit“ wörtlich nehmen können.

 

Wir freuten uns und waren guter Dinge. Das blieb übrigens auch volle 3 Tage so und hat sich bis jetzt nicht geändert.

Emma war ebenfalls gute Dinge und Hoffnung.

Ihr Bauch war noch runder, dicker und schwerer geworden. Ich fühlte mit ihr. Insgesamt 10 kg schwerer als sonst, schleppte sie sich nach unten in den Garten. Gestern hatte sie dort noch apportiert!

Nun ja, sie ist schwanger aber nicht krank. Bewegung hilft da manchmal ganz gut, um die Dinge ans Laufen zu bekommen. Ich erinnerte mich an meine erste Schwangerschaft: 8 Stunden Treppensteigen… geholfen hatte es bei mir zwar nicht, aber das ist ja jetzt nicht wichtig.

 

Emma zeigte sehr genau, was sie jetzt wollte.

 

Einmal kraulen am Hals, an der Brust, den Rücken massieren, aber nicht an die Bauchseite kommen… das wurde selten aber ab und zu mit einem ernsten Blick und leichtem knurren kommentiert.

Alles nach Wunsch, liebe Emma, du darfst bestimmen, was dir gerade gut tut.

 

Das Hecheln wurde mal sehr stark, dann flaute es wieder ab. Unruhig wurde sie nur, wenn wir uns nicht um sie kümmerten. Dann fiepte sie ganz leise, aber laut genug um zu verstehen: könnt ihr bitte mal kommen?

 

Das Geburtsteam war immer zur Stelle.

Insgesamt vier Leibwächter, kleines Wortspiel 😉, umsorgten, hegten und pflegten Emma.

Einer kochte Hühnersuppe, einer massierte, einer hielt die gute Laune auf einem gleichbleibenden Level, oder man war einfach nur da und gab Normalität und Ruhe zum Ausdruck.

 

Die wunderbar eingerichtete Welpenkiste stand bereit um benutzt zu werden. Im Schlafzimmer, neben Svenjas Bett.

Aber Emma wollte auf die Couch die im Wohnzimmer stand!

Also wurde das ganze Equipment ins Wohnzimmer verlagert. Schränkchen mit Waage, Handtücher, Desinfektion, 1. Hilfe Set, Globulis,

Farben, um die Welpen zu markieren. Ein vorbereitete Checkliste, in der Zeit, Geschlecht, Markierungsfarbe, Gewicht und Besonderheiten eingetragen werden. Durch die farbliche Markierung kann man später die Welpen sehr schnell unterscheiden.

Farbe vorn heißt Mädel, Farbe Popo ist ein Bub. So einfach kann man sich das machen, man muss nur auf solche Ideen kommen.

 

Bei ihrem ersten Wurf wollte sie auch auf das Sofa.

Das hatte Svenja schon befürchtet und war vorbereitet. Man muss flexibel sein im Leben.

 

Emma fühlte sich wohl und war entspannt.

Gismo und die Katze Bailey spielten die Nebenrolle, das allerdings perfekt. Der Rüde kam immer mal wieder vorbei, sah nach dem Rechten und reagierte auf die leisesten Anzeichen von Emma, ob seine Anwesenheit erwünscht war oder nicht. Rücksichtsvoll verzog er sich oder blieb in ihrer Nähe, ganz nach Wunsch der Hauptdarstellerin.

Bailey, sonst eher Nachtkatze, war auch tagsüber anwesend, ließ sich kraulen und genoss die Streicheleinheiten, die sie sich sonst nur abends abholte, diesmal den ganzen Tag und die nächsten 2 Tage ebenfalls. (Nach dem Geburtstag war sie wieder verschwunden).    

 

Der Freitag neigte sich dem Ende zu.

Ich blieb diesmal.

 

Sicherlich lag es auch an meinem Firlefanz, der heulend vor der Terrassentür lag und auf mich wartete. Sollte ich nun nach Hause fahren, wäre eine zeitnahe neue Trennung sicherlich schwerer gewesen.

Also blieb ich bei Svenja und Emma und überließ den Trauerkloß meinem Mann.

 

Am Freitag geschah nichts mehr.

Außer dass wir anwesend und wach waren.

Emma konnte kaum liegen. Auf dem Bauch liegend bekam sie nur schwer Luft und stand daher recht schnell wieder auf.

Sitzen ging.

Aber das ständige vorne abstützen ist kräftezehrend und man sah ihr es deutlich im Gesicht an, wenn sie erschöpft war. So eine Eröffnungsphase hat es nun mal in sich.

 

Die Nacht ging vorüber, es wurde hell und die Vögel zwitscherten um 5 Uhr früh zum Morgenapell.

 

Es ging in die nächste Runde.

Samstag, den 01.05.2021.

 

Ein kleiner Spaziergang zum Bäcker und zurück reichte Emma völlig aus. Bewegung fand sie nun nicht mehr so toll.

Nächster Tagesordnungspunkt: hecheln. Vornehmlich ins Gesicht, was nicht schlimm war, Emma hat keinen Mundgeruch.

Massage wurde auch wieder gerne genommen, kraulen an den Halsseiten sowieso und immer gut zureden.

Allerdings hatte Emma sich entschieden nun doch lieber im Schlafzimmer zu bleiben.

Kein Problem, alles auf Anfang und alles wieder an seinen Platz zurück bitte. Gerne.

 

Svenja durfte sich jetzt nicht mehr weit von ihr entfernen.

Ins Bad gehen war in Ordnung, aber bitte nur 20 Sekunden!

In der Zeit übernahm eine andere „Hebamme“.

 

Wir hatten den Eindruck, dass der Bauch noch weiter nach unten und Richtung Ausgang verschoben war.

Was für eine enorme Kugel. Emma sah aus wie eine trächtige Ziege.

Ziegen tragen auch immer seitlich so auf.

Der Bauch war hart aber die Bewegung der Welpen war zu spüren. Von außen fühlten sich die Bewegungen „niedlich“ und sanft an, aber ich weiß es besser.

Ich habe 2 Kinder bekommen und weiß wie die kleinen Wohnungsbesetzer einem die Luft nehmen können und der Leber ab und zu einen ordentlichen Schlag verpassen.

Da ist nix mit niedlich, sondern eher mit „Schluss damit, verrückt geworden?“

Emmas Gesichtsausdruck nach zu urteilen stimmte sie mir da zu.

 

Was soll ich sagen, der Samstag verging. Nicht im Flug sondern eher mit Flugverspätung.

Svenja ließ verlauten, dass Emma vor 4 Jahren ungefähr 32 Stunden Eröffnungsphase vorzuweisen hätte.

Oh ha!

Mal eben rechnen…Freitagnachmittag 16 Uhr Start.

10 Fingerrechensystem…17,18…1,2…10,22,23,24 Uhr ???? 😉

Also nix mit 1. Mai?

Mein Mann, Ingenieur, rechnete das mal kurz im Kopf und meinte, dann sehe ich dich Sonntag.

 

Sonntag, den 02.05.2021.

 

Der Samstag war vorüber, die Nacht ebenfalls, der Morgen brach an.

Geschlafen haben wir – selten, wenn überhaupt nur powernapping. Emma ebenfalls.

Nochmal zum Bäcker Brötchen holen für die Mannschaft. Frühstück ohne Svenja, sie konnte nichts essen, was aber immer so ist wie sie uns versicherte. Sie blieb bei Emma.

Dann ein leises Rufen: könnt ihr mal kommen, aber nicht schnell laufen, keine Hektik bitte.

 

Emma hatte einsetzende Presswehen.

Ich habe noch nie ein so hübsches und zuckersüßes Gesicht gesehen, wenn jemand Presswehen hat! (Bilde oben links). Emma machte ein Schnütchen und blies die Luft, nachdem sie dicke Backen gemacht hatte langsam mit einem pffft aus.

Sie durchfuhr immer wieder ein Zittern, so wie bei einem Schüttelfrost.  Die Wehentätigkeit konnte man sehr deutlich sehen.

Wellenförmig zog sich die Wehe von der Mitte des Bauches nach hinten. Sie wurde unruhiger und lief im Bett auf und ab.

Dann ging es los.

Die Presswehen bereiteten ihr ziemliche Schmerzen, die sie mit einem hohen Jaulton begleitete.

Eingekuschelt in Svenjas Arm nahm sie die nächste Wehe in Kauf und schob die erste Hündin (rosa)um 9:48 Uhr ins Licht.

Noch vollkommen überrascht, was ihr da solche Schmerzen verursacht hatte, fraß Emma die Nachgeburt und sprang vom Bett und lief Richtung Wohnzimmer.

 

Jetzt doch auf die Couch??? Wir haben noch nicht umgeräumt!

 

 

Sie machte es sich in Gismos rundem flauschigen Liegenest gemütlich. Man brachte ihr den Welpen, den sie leckte und annahm.

Wie aus dem nichts flutsche kurz darauf Nummer 2 um 10:11 Uhr ins Nest, ein Bub (petrol).

Das war jetzt blöd.

 

Nicht der Bub, sondern die Tatsache, dass das Nest definitiv nicht der Ort unserer Wahl gewesen war und viel zu klein, um alle Welpen dort in Empfang zu nehmen.

Außerdem konnte man darin nicht die Unterlagen platzieren, um die Feuchtigkeit aufzusaugen.

Emma, jetzt übernimmt Svenja wie es weitergeht. Keine Widerrede.

 

Kurzentschlossen schubste sie Emma aus dem Nest und nahm sie mit in die Welpenkiste.

Dort durfte sie sich dann erstmal wieder ins das Nest legen und Nummer 3,  ein Mädel (rot) um 10:34 Uhr bekommen, aber nach Nummer 4, ein Bub (mint),  um 10:53 Uhr war dann damit endgültig Schluss. Für die Welpen waren es so einfach zu lange zu feucht.

 

Es bedarf einiger “Überredungskünste“, um Emma davon zu überzeugen, dass es anders besser wäre.

In liegender Position ging es dann Schlag auf Schlag.

 

Bub ( hellblau) 11:30 Uhr - 11:48 Uhr Mädel((lila)- 12:16 Uhr  Bub (weiß) und der letzte Welpe um 12:34 Uhr Bub (braun). Alles ohne größere Pause! Respekt!

 

Emma hatte mittlerweile richtig Übung.

Der Welpe kam, wurde abgenabelt, von Svenja entgegengenommen, ausgeschüttelt, wenn noch Fruchtwasser in der Nase war, oder sogar mit dem Mund ausgesaugt (schmeckt nicht gut meinte Svenja), versorgt mit Abrubbeln, Wiegen, Untersuchen ob alles ok war, Unterstützung wenn der Wurm noch nicht ganz auf der Höhe war, und ab zur Mama, die  mit jedem Welpen, den sie gebar ruhiger und entspannter wurde.

Svenja war die Ruhe selbst und ermutigte mich, Emma zu unterstützen einem Welpen auf die Welt zu helfen, was für ein wahnsinniges Erlebnis.

Auch der Tatsache geschuldet, dass Emma auch mir in dieser Situation ihr Vertrauen schenkte.

 

Man sah Emma richtig an, wie glücklich und zufrieden sie war. Müde aber glücklich.

Bei all der Spannung war unsere Müdigkeit im Moment auch nicht mehr vorhanden.

 

Nun waren sie da, die kleinen Würmer, auf die wir mit Spannung gewartet haben.

 

Von der Idee, Emma nochmal Mutter werden zulassen, bis zu dem Moment wo sie vor uns liegen, wohlgenährt, ruhig (bis auf eine 😉), motorisch echt fit und vollkommen gelassen, sind einige Tage vergangen.

Emma hat ihre letzte Schwangerschaft voll ausgekostet und am 65. Tag nach der Befruchtung, die Welpen zur Welt gebracht.

Vollkommen sicher, dass ihr Mensch, Svenja, sie nie im Stich lassen wird, egal was kommt.

 

Voller Vertrauen in sie und ihre Ruhe, das Wissen um ihr Wohlergehen.

Es war wundervoll das miterleben zu dürfen und ich bedanke mich nochmal aus tiefstem Herzen bei Svenja, dass sie mich gefragt hat, ob ich ihrem Herzenswunsch beiwohnen und vom ersten Tag an dabei sein möchte.

 

Ich habe erfahren, wie schön es für Mensch und Hund sein kann, so eine Aufgabe zu meistern, so eine Verantwortung gemeinsam zu tragen und wieviel Zuneigung und Vertrauen es bedarf, um so wunderbare Welpen in die Welt zu setzen.

 

Einen wahrlich toller Start ins Leben haben die acht kleinen Wesen bekommen.

 

Unsere Reise ist an dieser Stelle aber noch nicht zu Ende.

Wenn du also weiterhin dabei sein möchtest, die Entwicklung von den Achten zu beobachten, dann bleib einfach sitzen, und genieße die Fahrt in ihr neues Leben.

Es wird spannend und aufregend und wunderschön.

 

 

Ich freue mich riesig.

Also Kurze Pause, Beine vertreten und dann geht’s weiter.

Ich freue mich auf ihre Nachricht

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